Back to Top
 
 

Startseite / Naturschutz / Vogelwelt / Vogel der Region

Vogel der Region

Foto auf der Startseite von Uwe Langrock

Hier wird jeden Monat ein typischer Vogel der Region vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Vogelart, die für die Gegend typisch ist und in den jeweiligen Monaten in der Haseldorfer und Wedeler Marsch vorkommt und gut zu beobachten ist. Es müssen nicht immer bedrohte Vogelarten sein, die auf der Roten Liste stehen.

Vogel der Region im April 2019: Der Raubwürger – Wartejäger und Bungee-Jumper – Unverdauliches wie Knochen, Haare, Federn und Chitin würgt er wieder heraus!

Spazieren wir jetzt bei schwellenden, grünenden Knospen durch die Natur, hören wir so manche vertraute Vogelstimme. Am Bachufer entlang fällt – mit etwas Glück – ein stiller Einzelgänger auf. Schon aus größerer Entfernung erkennt man im meterhohen Geäst den schwer einordbaren, drosselgroßen Vogelkörper mit den auffallend langen Schwanzfedern!

Aus Zwei- bis Drei-Meter-Warte schießt er plötzlich recht steil im knappen 10-Meter-Bereich  in die Tiefe, ist auf dem Erdboden kaum auszumachen, fliegt dann ziemlich rasch wieder steil aufwärts zum nächsten Zaunpfahl oder ins höhere Geäst. Er ist dabei nur wenige Meter weitergekommen. Vögel segeln im Gleitflug vom höheren Standort zum Boden, um sicher zu landen. Dieser Spezialist aber erinnert mit seinem relativ steilen Sturz entfernt an den Nervenkitzel eines in die Tiefe springenden Bungee-Jumpers. 

Es ist der Raubwürger. Nennen wir ihn lieber Grauwürger, Das „Rauben“ erinnert viele an konkurrierendes Wegnehmen von Nahrung, so dass man ihn lieber beseitigen sollte.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei! 

Hellere und dunklere Grautöne mit Schwarz in den Flügeln zeichnen ihn aus, ebenso die weiße Unterseite, die er gern von höherem Zweig dem Weibchen präsentiert. Er ist während der Brutzeit nur noch selten in Mitteleuropa anzutreffen. Vor wenigen Jahren gab es im gesamten Bundesland Niedersachsen noch schätzungsweise 2000 Exemplare mit abnehmender Tendenz. Eine höhere Bestandsdichte gibt es vor allem viel weiter südlich im Zentralmassiv.

Alle Beobachtungen in unserem Kreis fallen hauptsächlich auf die Monate Oktober und April, also in die mögliche Zugzeit. Einige rasten bei uns im Winter gelegentlich länger, vor allem dann, wenn das Nahrungsangebot von Wühlmäusen reicht. Dann können wir ihn an der Wedeler Au und anderen Flussniederungen sowie im Ödland vorfinden, z.B. im Buttermoor oder im Himmelmoor. Zeigen sich im Winter viele Mäusebussarde bei uns, kann man von ausreichendem Nahrungsangebot auch für ihn ausgehen. So steigen die Chancen, einmal einen Grauwürger bei uns zu sehen. Und wenn bei dichtem unwirtlichem Schneegestöber alle Vögel Schutz suchen, zieht er noch seine lange Bahn durch weites Gelände. Er ist eben von seinem nordischen Brutgebiet her die raue, karge Landschaft gewohnt.

Im Himmelmoor konnten wir auf einer sehr langen zurückliegenden NABU-Exkursion einmal ein seltenes Schauspiel erleben. An einem herrlich sonnigen Wintertag wanderte die Gruppe im Randbereich zwischen damals stattlichem Birkenbewuchs entlang, als plötzlich über die Köpfe hinweg ein Grauwürger in 8 m Höhe ziemlich mühselig dahinflatterte. Fest im Schnabel hielt er eine tote Blaumeise, und zwar an den äußeren Handschwingen des einen Flügels, so dass sich die Beute insgesamt etwas makaber zu einem eigenartig anmutenden, großen farbig schillernden Fächer vor dem Himmelsblau im Sonnenlicht formte. Mühselig kämpfte sich der etwa 50 g schwere Vogel mit seiner zierlichen Beute voran, sie bildete einen allzu großen Luftwiderstand! Lange schauten wir ihm nach.

Eher kranke oder zu unbeholfene junge Kleinvögel frisst er also auch, wenn er sie in nachgeahmter Sperbermanier fangen kann. Er ist ein Wartejäger, kann also aus bestimmter sitzender Position auf 10 m hohem Ast auf geeignete Beute lauern. Nach erfolgreicher Jagd spießt er sie gern erst einmal auf Dornen auf.

Daher gehört zu seinem recht großräumigen Brutrevier die offene Landschaft mit kurzem Rasen und einzelnen Baumgruppen, Schwarz- oder Weißdorn sollten dabei sein, er bevorzugt im Gelände Kiefern, in denen sich das Brutgeschäft besonders gut verrichten lässt.

In den 50er Jahren gab es ihn vereinzelt in der offenen, möglichst sandigen Feldmark, eher in unmittelbarer Nähe eines der bekannten Moore. Dort konnte man ihn im Bereich der volkstümlich so genannten „Ponderosa“, der damaligen Schäferei am Südrand des Moores beobachten. Hier an der Rentzeler Dorfstraße war er über sehr viele Jahre regelmäßig im Sommer anzutreffen. Weithin sichtbar bevorzugte er als Sitzwarte eine Stromleitung am Wegesrand. Sehr lange ist es her!  

Sein Fortbleiben vor so vielen Jahrzehnten war bereits das Warnzeichen einer sich gefährlich verändernden Umwelt. Diese außergewöhnlich hochspezialisierten Vögel am Ende einer Nahrungskette stellen ganz besondere biotische Indikatoren für die Qualität von Lebensräumen dar!

Offensichtlich ergaben sich damals schon in seinem Nahrungsspektrum gewisse Bestandsverluste, vor allem bei den Insekten. Unter den Laufkäfern gab es den Goldlaufkäfer in größeren Mengen an jedem Feldweg, heute Rarität geworden. Unter den Blatthornkäfern zerfraßen vor allem überreichlich viele Maikäfer überreichlich vor allem frisches Rotbuchenlaub, heute sind sie kaum noch zu finden. Zu den Rüsselkäfern gehören viele stechend saugende Arten an Obst- und Waldbäumen, sie alle sind fast gänzlich verschwunden.

Wir alle wissen inzwischen um den katastrophalen Rückgang der Insekten als Folge einer jahrzehntelangen Schadstoffeinwirkung anthropogenen Ursprungs!

Der Neuntöter Foto: NABU/Martin Semisch

Für das Nest sucht er sich bevorzugt höhere Bäume aus, baut es in krankhaft kugelig gewachsene dichte Zweigstrukturen, in sogenannte Hexenbesen, oder aber in dichtes Dorngestrüpp, wie wir es von seinem Verwandten, dem heimischen Neuntöter, her kennen.  Aus 4 bis 7, selten 9 farbvariablen, eher olivgetönten Eiern schlüpfen nach 15 bis 17 Tagen kleine Nestlinge. Nur ein Drittel wird erwachsen. Witterungseinflüsse und Nahrungsknappheit raffen allzu viele Nestlinge schon früh dahin, aber auch Nestplünderer wie Krähenvögel, Eichhörnchen und andere sorgen für eine geringe Nachwuchsrate.

Fehlt langfristig die spezifische Nahrung, dann leeren sich in einem langwierigen Prozess allmählich immer größere Gebiete, bis schließlich die Art vom Aussterben bedroht ist!

Außerhalb der Brutzeit ist er ein eher ortsansässiger Einzelgänger. Ein allgemeines Kurzstrecken-Zugverhalten ergibt sich aus Nahrungsengpässen, dabei sind Weibchen reiselustiger. Es ergibt sich für alle Individuen in kalter Jahreszeit eine gewisse Flugtendenz in Richtung Süden. Insgesamt findet eine verhältnismäßig geringe geografische Bewegung statt, der großräumige Austausch von Individuen innerhalb der Art ist daher ziemlich gering.

Ein derartiges Verhalten begünstigt die Bildung von Unterarten. So gibt es in der borealen Zone eine europäische westlich des Urals, die asiatische weiter östlich und eine nordamerikanische auf einem anderen Kontinent.

Die große Gruppe der Würger-Arten ist mit Neuntöter, Schwarz- und Rotrückenwürger bis hin zum Philippinen-Würger bis in die Tropen hinein weit verbreitet. Charakteristisch für sie ist das Verhalten, nach Verdauen der verspeisten Nahrung Unverdauliches wie Knochen, Haare, Federn und Chitin wieder herauszuwürgen.

Und nun heißt es beim nächsten Spaziergang längs der Au wachsam zu sein, um mit etwas Glück den Grauwürger an seinem charakteristischen Verhalten aufzuspüren. –  Viel Glück!

Uwe Langrock