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Vogel der Region

Foto auf der Startseite von Uwe Langrock

Hier wird jeden Monat ein typischer Vogel der Region vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Vogelart, die für die Gegend typisch ist und in den jeweiligen Monaten in der Haseldorfer und Wedeler Marsch vorkommt und gut zu beobachten ist. Es müssen nicht immer bedrohte Vogelarten sein, die auf der Roten Liste stehen.

Vogel der Region im Februar 2019: Die Rotdrossel – Wintergast in Deutschland von Oktober bis März

Im Winterhalbjahr streifen regelmäßig gemischte drosselgroße Vogeltrupps in unserer Landschaft umher. Je nach Winterbeginn im Norden treffen sie ab Oktober bei uns ein.

Die meisten von ihnen sind Wacholderdrosseln, die auf abgeernteten Äckern, Wiesen und Weiden nach Nahrung suchen. Etwas scheu fliegen sie mit gewisser Fluchtdistanz auf, um die Entfernung zum Menschen, meistens mit charakte-ristischen Rufen, wieder zu sichern. Manchmal sind es wenige, es können eindrucksvolle Schwärme von tausenden sein! In solch stattlichen Größen waren sie schon längere Zeit nicht mehr zu sehen.

Foto: Uwe Langrock

Nun heißt es aufpassen, ob sich nicht etwa kleinere, stillere dazwischen gesellt haben.  Besonders in der Luft fällt dem geübten Auge der etwas kleinere Körper sofort auf.

Diese zierlicheren Rotdrosseln sind ebenfalls regelmäßig im Winter zu Gast. Klart es nach einem regnerischen Spätherbsttag abends auf, so können die letzten wärme- spendenden Strahlen der flach stehenden Sonne von der Elbe her Lichteffekte des hohen Nordens vortäuschen. Im Schutz von Baumgruppen fangen Rotdrosseln plötzlich an zu singen, nicht allzu lange, aber es vermittelt das volle Leben des hohen Nordens: bei gediegener Lichtflut und niedrigeren Temperaturen.

So wie wir hierzulande als sangesfreudigen Charaktervogel die Amsel erleben, nimmt die Rotdrossel den entsprechenden Platz im hohen Norden ein. Sogar über den Polarkreis hinaus hören wir sie mit unermüdlichem Gesang. Still wird sie erst eine halbe Stunde vor Mitternacht. Sollte eine Wolkenbank die tief stehende Sonne verdecken und bald ihre Lichtstrahlen wieder freigeben, dann hebt der Gesang bereits von neuem an, unermüdlich über den Tag hinweg, fast 24 Stunden lang! Dabei können einige wenige Sangeskünstler unter ihnen die Laute anderer arktischer Arten verblüffend gut nachahmen.

Sie ist mit ihren 21 cm Länge die kleinste aller Drosseln, nämlich von Amsel, Sing-, Mistel- und Wacholderdrossel. Sie fällt an ihrem rahm-gefärbten Überaugenstreif auf, sowie an dem Weinrot der Federn, die seitlich unter den Flügeln hervorragen. Besonders im Fluge sind ihre roten Achselfedern sehr schön erkennbar. Die Engländer nennen sie daher exakter „redwing-bird“, also Rotflügel-Vogel, noch genauer die Spanier und andere Völker: die Rotflügel-Drossel. Ferner sind die Flecke an der Brust charakteristisch, die sehr helle Unterseite und der braune Rücken. Männchen und Weibchen sehen gleich aus.

Sie ist an sich ein Waldvogel, in der Arktis aber brütet sie sogar an den unterkühlten Schmelzwasserläufen in niedriger Buschvegetation. Man kann sie auch als finnische Drossel bezeichnen, da sie es in diesem Lande auf einen ungefährdeten, besonders hohen Bestand von mindestens 2.000.000 Exemplaren bringt.

Ihr Nest legt sie in unterschiedlichen Höhen in Bäumen oder Sträuchern an. Sie legt 4 – 6 grünliche, rotgefleckte Eier. Ähnlich wie bei der Amsel brüten beide etwa 14 Tage lang. Sie ziehen beide die Jungen über 15 Tage auf, und zwar mit Insekten, Würmern und Beerenfrüchten.

Falken und Sperber, Elster, Eichelhäher und Rabenkrähe sowie Eichhörnchen und Marder sind dort genauso die Feinde wie für unsere heimische Drosselwelt.  Am Fjell ist es dann die seltene vorkommende Schnee-Eule und weitere Bewohner der Arktis.

Kommen wir noch einmal zur Artbestimmung auf das Verhaltensmuster der Rotdrosseln zurück: So kann es bei uns im Winter vorkommen, dass ein Trupp Wacholderdrosseln aus dem Gebüsch oder der höheren Hecke auffliegt. Alle scheinen überhastet fortgeflogen zu sein, doch wenige bleiben sitzen.  Bei näherem Hinsehen fällt dann die kleinere Größe auf, es sind offensichtlich nicht ganz so scheue Rotdrosseln.

Sie leben im Winter bei uns vorzugsweise von Äpfeln und Beeren. Will man sie genauer beobachten, kann man umherstreifend nach dem Zufallsprinzip auf vielen Kilometern Wegstrecke sicherlich einem kleinen Trupp begegnen.

Gezielter findet man sie auf heckenartigen Anpflanzungen mit beerenreichen Früchten. So gibt es im Meldorfer Speicherkoog größere Altbestände angepflanzten Sanddorns. Sie garantieren im Allgemeinen Jahr für Jahr ein großes Angebot an Früchten. Daher sind diese Fluchten direkt hinter dem Deich ein besonderer Sammelplatz und damit sicherer Geheitipp als Beobachtungsort gleich für viele rastende Singvögel im Winter.

Als strauchartige Grenzbepflanzung wählen viele Gartenbesitzer die Kartoffelrose, jene sich invasiv verhaltende Art auf den Sanddünen längs der Küste. Die Früchte werden gern aufgepickt. Leider können sie im Winter angefault und bakteriell verseucht sein. Solche Früchte verzehren alle Drosselvögel gern, wenn sie mit Reifansatz wieder prall und rot schimmernd voller scheinbarer Frische leuchten. Aufgenommene pathogene Bakterien aber schwächen den von rauer Jahreszeit strapazierten Vogelkörper so sehr, dass viele Tiere natürlich verenden.

So fallen in manchen Jahren viele Wintergäste den großen, aber gelegentlich fast epidemisch den allerwinzigsten Feinden zum Opfer.

Wie bei vielen Singvögeln sind zwei Bruten im Jahr möglich, so auch bei der Rotdrossel sogar bis zur Arktis, so dass erst einmal wieder rein theoretisch ein Brutpaar den vierfachen Bestand reproduzieren kann. Zu bedenken ist, dass die Hälfte der Jungen den nächsten Winter nicht überlebt. Trotzdem stimuliert der Bruterfolg hoffnungsvoll in unserer vielseitig so arg strapazierten Natur!

Und die Hoffnung auf bessere Zeiten stirbt zuletzt!

Uwe Langrock