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Die Kopfweide

Pflanze der Region im Januar 2018

 

„Wie haben sie dich, Baum, verschnitten Wie stehst du fremd und sonderbar! 
Wie hast du hundertmal gelitten, 
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!“ 

Dies schrieb Hermann Hesse im Juli 1919 über eine gestutzte Eiche.
Und „fremd und sonderbar“, geradezu „verschnitten“ sehen auch die Kopfweiden direkt nach dem Schnitt aus.

Wieso machen wir das überhaupt?
Kopfweiden sind ein Relikt alter Nutzungen. Weiden, die grundsätzlich auch gut ohneRückschnitt
auskommen, wurden in kurzen Zeitabständen geschnitten, um Ruten für die Korbflechterei,
für Fachwerk und für Zäune zu gewinnen. Die biegsamen, schnell nachwachsenden Weidenruten,
waren für die genannten Zwecke ideal geeignet. Das Holz wurde auch als Brennstoff genutzt. 

Eine besonders interessante Verwendung waren die Fischreusen aus Weidenruten an der Elbe.
Die Fische wurden durch ein ausgeklügeltes Leitsystem in Reusen gelenkt, aus denen sie nicht wieder herauskamen.
Im Winter wurde das ganze System abgebaut, die Reste wurden verheizt.
Plastikschnüre im Wasser, in denen sich Vögel und andere Tiere verfangen, waren damals kein Thema!
In der Dauerausstellung des Elbmarschenhauses können Sie sich eine nachgebaute Fischreuse aus Weidenruten ansehen.
Dieses Präparat sowie Fotos hat uns ein Bewohner aus Seestermühe zur Verfügung gestellt,
dessen Vater noch selber an der Elbe gefischt hat.

Auf die hohe wirtschaftliche Bedeutung in früheren Zeiten weisen auch die KopfweidenDarstellungen
in den Wappen der Marschgemeinden Hetlingen und Neuendeich hin.  

Daher prägen Kopfweiden viele Niederungslandschaften in Europa, auch die Niederung der Unterelbe hier bei uns. Heutzutage ist die Nutzung von Weidenruten allerdings unwirtschaftlich. Ein importierter Korb aus Asien ist viel preiswerter und die Kenntnisse über das alte Handwerk sind auch nicht mehr verbreitet. Viele Kopfweiden sehen inzwischen bedauernswert aus. Ohne Rückschnitt ist der Neuaustrieb so schwer, dass die Weiden auseinanderbrechen und schnell zersetzt werden.

Eine Kopfweide, die regelmäßig gepflegt und geschnitten wird,
ist jedoch auch von sehr hoher Bedeutung für den Naturschutz.
Ein Rückschnitt muss alle 1 bis 5 Jahre erfolgen. Dadurch bildet sich im Laufe der Jahre
ein verdickter „Kopf“ aus, der den Baumgestalten den Namen gab.

Die Schnittwunden sind häufig Eintrittspforten für Pilze, die zu Zersetzung und Höhlenbildung führen.
Sicherlich haben Sie auch schon einmal staunend vor einer alten Kopfweide gestanden,
die innen komplett hohl war, aber dennoch lebte. Bei den Weiden liegen die Leitungsbahnen
für Wasser und Nährstoffe weit außen im Stammquerschnitt.

Auf den Innenteil kann man da getrost verzichten und Untermieter aufnehmen.
Diese Höhlen sind wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl von Insekten und andere Tierarten.
Fast 200 Insektenarten wurden in Untersuchungen nachgewiesen!

An ungestörten Standorten siedeln sich auch Fledermäuse und Eulen in den hohlen Stämmen an. Für höhlenbrütende Vögel wie Gartenrotschwanz oder unsere Meisenarten sind Kopfweiden ein wichtiger Brutort.
Auch Mäuse und Marder lassen sich nicht lange bitten, wenn sich geeignete Höhlen finden.
Nicht zuletzt wachsen auch Pflanzen in den morschen Mulmhöhlen der Kopfweiden.
Moose, Flechten, aber auch typische Bewohner des Erdbodens wie Brennesseln
oder Löwenzahn fühlen sich im natürlichen Pflanztopf wohl und sind so ein ganzes Stück weiter am lebensspendenden Sonnenlicht.
Die Kopfweidenpflege aus Naturschutzgründen ist mit hohem Arbeitseinsatz und Kosten verbunden.
Die beiden Ranger im Elbmarschenhaus haben sich in diesem Winter einige Kopfweiden auf unseren Naturschutzflächen vorgenommen.
Auch das Außengelände des Elbmarschenhauses zeigt fantasievolle Schnittvarianten!
Die Sinnhaftigkeit der Pflegeschnitte hat auch Hermann Hesse gekannt, denn er endet sein Gedicht mit den Worten:  

„Doch unzerstörbar ist mein Wesen, 
Ich bin zufrieden, bin versöhnt, 
Geduldig neue Blätter treib ich 
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.“ 

 

 

Leitung des Hauses

Edelgard Heim

Telefon 04129. 955 49 12

Telefax 04129. 955 49 20

edelgard.heim1@llur.landsh.de

 


Schutzgebietsbetreuung

Naturschutzgebiet

"Haseldorfer Binnenelbe

mit Elbvorland"

Uwe Helbing

Tel. 04129-95549-11

Fax 04129-95549-20

helbing@elbmarschenhaus.de

 


 

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